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Meteorite sind so nett, einfach so auf uns herabzufallen. Das macht die Probennahme für Meteoritenforscher eher einfach (eigentlich doch nicht, mehr dazu später). Dennoch werden Unmengen an Geld in sogenannte Sample Return Missions gesteckt, also Raumsonden, die Material direkt von einem anderen Himmelskörper zurückbringen. Derer gab es schon einige – natürlich die Apollos, gefolgt von den unbemannten russischen Luna 16,20,24. Dann erst einmal lange nichts. Dann ein Schwung mit Genesis, Stardust (USA) und Hayabusa (Japan). Jede einzelne dieser Missionen (gerade letztere) war/ist ein Epos für sich selber und verdient einen eigenen Eintrag.

Für die nächsten Jahre sind mindestens gleich 3 Missionen zu Asteroiden geplant/genehmigt: Hayabusa 2 (Japan), OSIRIS REx (USA) und Marco Polo (ESA).

Kosmisches Material fällt uns zwar direkt vor die Füße, nur hapert es in der Regel mit der exakten Identifikation des Ursprungsortes. Nur in wenigen Fällen lässt sich dieser genau ermitteln – in der Regel dann, wenn man schon direkte Informationen vor Ort gesammelt und so einen direkten Vergleich hat (also Mond und Mars). Der Rest kommt halt in erster Annäherung von da oben. Dank spektroskopischer Methoden und Analysen der Umlaufbahn kann in manchen Fällen in etwa ein Mutterkörper identifiziert werden.

Klassisches Beispiel ist Asteroid Vesta, der schon in den 70ern dank Spektroskopie mit Meteoriten der HED Gruppe (Howardite, Eukrite und Diogenite) in Verbindung gebracht wurde.

Ansonsten hat man zwar in etwa eine Idee, von welcher Gruppe an Körpern die Gratisproben stammen, aber die direkte Verbindung fehlt. Wenn man Proben direkt auf einem Asteroiden einsammeln würde, könnte man immerhin schon mal diese mit den Meteoriten in unseren Sammlungen vergleichen.

Zudem würde man in dem Fall die Probe nicht nur einem Körper zuordnen können, sondern auch einem Ort auf selbigem. Gerade bei den Achondriten wäre dies sehr wichtig. Diese stammen von differenzierten Mutterkörpern, also Kleinplaneten die Strukturen wie Kern und Mantel/Kruste aufweisen. Wenn die Proben ganz konkret ‚geologischen‘ Strukturen zugeordnet werden können, lässt sich sehr viel mehr mit ihnen und den gemessenen Daten anfangen.

Auch bei den Chondriten, Material von wahrscheinlich weniger strukturierten Mutterkörpern, wäre es ganz interessant die Proben im ‚Kontext‘ zu haben. Erster Erfolg in dieser Richtung war die japanische Hayabusa Mission, die 2010 gegen so ziemlich jede Wahrscheinlichkeit und auf dem Zahnfleisch kriechend immerhin über 1000 Mineralbrösel zurückbrachte, natürlich vom Typ Otto Normalmeteorit.
Diese Brösel sind im besten Fall nur ein paar hundert µm (Mikrometer) groß, also im besten Fall die Dicke eines Haares. Aber das ist kein Hindernis für die analytische Planetologie, die schon kleineres Material (siehe Kometenteilchen von Stardust) nach Strich und Faden durchanalysiert hat.

Ziel des Trios sind Asteroide der Spektralklasse C. Diese Klassifizierung basiert auf spektroskopischen Beobachtungen (also der Analyse des Lichts der Körper in diversen Wellenlängen, anhand derer Informationen über die mineralogische Zusammensetzung gewonnen werden.

Asteroide vom Typ C sind wohl Ursprungsort der kohligen Chondrite. Diese finden sich in unseren Sammlungen nicht so oft wie unsere Freunde, die gewöhnlichen Chondrite.

Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Chondriten, welche durch Hitze verändert wurden (Typ 3-6) zeichnen sich die kohligen Chondrite durch die sog. aquatische Alteration aus. Aus diesem Grunde wird bei dieser Gruppe beim petrologischen Typ abwärts gezählt: Typ 3 ist nach wie vor unalteriert, Type 2 wurde schon ordentlich angefeuchtet, und Typ 1 ist komplett nass geworden. Beim Kontakt mit Wasser auf dem Mutterkörper wurden die wasserlosen primitiven Minerale (zumeist die allgegenwärtigen Olivine, Pyroxene) in wasserhaltige Phasen ähnlich der Tonminerale umgewandelt. In anderen Worten, Typ 1 und 2 sind Matsch aus dem Weltraum.

Bekannte Meteorite dieses Typus sind CM2 Chondrit Murchison, der 1969 in Australien fiel. Tagish Lake, ein ungruppierter C2 Chondrit, fiel 2000 über Kanada. Das Endglied dieser Reihe sind die CI Chondrite, eben völlig vermatschtes Material. Diese seltene Gruppe wird vor allem durch Orgueil vertreten, ebenfalls ein Fall, 1864 über Frankreich. Typus 1 und 2 enthält auch ordentlich organisches Material (C steht für carbonaceous, kohlenstoffhaltig). Deshalb sind Fälle besonders wichtig, da man natürlich keinerlei terrestrisches organisches Material an länger herumliegenden haben will. Organisches Material hört sich jetzt spektakulärer an als es ist, es handelt sich natürlich nicht um durch extraterrestrisches Getier entstandenes Material. Es ist primitives Material aus der Molekülwolke, aus der sich das Sonnensystem gebildet hat. Auf dem Mutterkörper, der sich aus dem primitiven Material gebildet hat (Akkretion) wurde dieses durch ‚flüssige Phasen‘ – Wasser aus ebenfalls akkretiertem Eis – zusätzlich umgewandelt. Aber im Zeitalter der Astrobiologie ist alles irgendwie organisches eine prima Cash-Cow und Aufhänger, wenn es um Forschungsgelder geht.

Dennoch, die Möglichkeit, frisches Material vom Typ C1-C3 wäre extrem interessant, man könnte sich das Ganze mal garantiert ohne irdische Kontamination anschauen. Denn diese ist bei diesen Meteoriten ein massives Problem, selbst in Meteoriten in Sammlungen bilden sich über die Jahre neue Minerale (z.B. Sulfate) allein durch den Kontakt mit feuchter Luft.

Eine weitere Interessante Eigenschaft dieser Meteorite ist, dass ihre ‚Bulk‘, also Gesamtchemie recht ähnlich derer der Sonne und damit des Sonnensystem ist. Die CI1 Chondrite, also Orgueil und Konsorten, sind besonders ähnlich, und werden deshalb als eine Art chemischer Standard verwendet. Sie sind also chemisch sehr primitiv, dagegen mineralogisch extrem umgewandelt.

22 Kommentare zu “Lehm im Weltraum (1)

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