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Natürlich wurde über den spektakulären Fall des Meteoriten bei Tscheljabinsk am 15. Februar nun wirklich schon viel geschrieben und gebloggt. Da aber gerade ein paar Veröffentlichungen erschienen sind, die die Ergebnisse zusammenfassen, will ich doch ein paar Worte über die Angelegenheit loswerden.

In Science erschien eine kurze&bündige Zusammenfassung von Olga Popova und -zig Mitautoren. So setzte das Ereignis mit gerundet 600 Kilotonnen ein um zwei Größenordnungen weniger Energie frei als der Tunguska 1908 (Schätzungen 3-50 Megatonnen). In knapp 100 Km Höhe hatte der Meteor noch eine Geschwindigkeit von 19 Kilometer pro Sekunde. Den knapp 20 Meter durchmessenden Asteroiden mit einer Masse in der Gegend von 10000 Tonnen (!) zerlegte es in 27 Kilometern Höhe (zum Glück, so hat sich die Energie verteilt).

In der Millionenstadt Tscheljabinsk (die etwa 30 Km nördlich der direkten Einflugschneise des Meteors lag) kam es in 44% der Wohnhäuser zu Beschädigungen. In der Regel Glasschaden, der auch für die meisten Verletzungen verantwortlich war (es gab zum Glück keine Todesfälle). Es wurde genug UV-Licht freigesetzt, um bei (ein paar Prozent) der Leute im Freien zu leichtem Sonnenbrand zu führen…

Ein Hagel an Trümmern des Asteroiden regnete auf die Gegend nieder, das Meiste in Form von kleinen Bröseln von wenigen Gramm. Dir größten Stücke lagen im Bereich von einigen hundert Kilogramm, das aus einem See geborgene Stück ist über eine halbe Tonne schwer (570 Kg).

Tscheljabinsk nach Eintritt (Alex Alishevskikh, cyberborean)

Tscheljabinsk nach Eintritt
(Alex Alishevskikh, cyberborean)

Allerdings sind drei Viertel der Ursprungsmasse es kleinen Asteroiden beim Eintritt verdampft! Einwohner der Region bemerkten einen schwefeligen Geruch in der Luft… Untersuchungen zeigen auch (ein wenig) organisches, extraterrestrisches Material an.

Untersuchung der Meteorite (also was von einem Meteor am Boden ankommt) ergaben einen alten Bekannten – ein gewöhnlicher Chondrit, Typ LL5.
Von der Struktur her handelt es sich bei dem Meteoriten um eine Brekzie, also eine Art Geröll aus Fragmenten. Das könnte der Grund für das frühzeitige Auseinanderbrechen gewesen sein, ein solider ‚Einzelblock‘ hätte wohl länger durchgehalten, mit entsprechenden Konsequenzen. Interessanterweise gab es keine Vorwarnung durch das militärische Frühwarnnetz – es ist nicht für solche Zwecke ausgelegt. Ein Glück das das Ganze nicht zu Zeiten des Kalten Krieges passiert ist, da hätte es leicht zu Missverständnissen kommen können.

Da die Flugbahn nachverfolgt werden konnte, lässt sich auch die Umlaufbahn des Asteroiden zurückrechnen. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, das Tscheljabinsk aus der Ecke der Flora Asteroiden stammt, wie auch Asteroid Itokawa, der von der japanischen Raumsonde Hayabusa beprobt wurde.

Thomas Kohout und seine Mitstreiter nahmen sich in Icarus die Proben ebenfalls unter die Lupe (hier arxiv). Ergebnisse sind deutliche Anzeichen (rekristallisierte Schmelzen) für schwere Einschläge auf dem ursprünglichen Mutterkörper, einem größeren Asteroiden. Auch wurde ein im Vergleich zu anderen LL Chondriten höherer Gehalt an metallischem Eisen festgestellt. Die Typenbezeichnung LL5 bedeutet, dass das Material von einem kleinen Körper (Mutterkörper) stammt, der in der Frühzeit des Sonnensystem vor so knapp 4.56 Milliarden Jahren ordentlich Wärme entwickelte, um Gestein in die Gegend von 700 ° aufzuheizen. Auch wurden Anzeichen von ‚Space Weathering‘ gefunden. Diese ‚Weltraumverwitterung‘ findet statt, wenn eine Gesteinsoberfläche dem Strahlungs- und Partikelregen im Weltraum (in erster Linie von unserer Sonne) schutzlos (da keine Atmosphäre) ausgesetzt ist. Es passt also alles recht schön zusammen.

Der Tscheljabinsk LL% Meteorit. (Svend Buhl / Meteorite Recon)

Der Tscheljabinsk LL5 Meteorit.
(Svend Buhl / Meteorite Recon)

In einer weitere Veröffentlichung in Nature nutzen P.G. Brown (und nochmal ganz viele Mitautoren) die Erkenntnisse aus dem Fall, um die Wahrscheinlichkeit von weiteren Einschlägen von Körpern in dieser Größenklasse abzuschätzen. Besonders die Daten aus Netzwerken von Schallsensoren, anhand derer man die Energie der Ereignisse abschätzen kann, waren sehr nützlich. Ergebnis: die Zahl der Einschläge von Körpern in der Tscheljabinsk-Klasse wurde bisher um eine Größenordnung unterschätzt. Allerdings jetzt kein Grund zur Panik, die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags bleibt nach wie vor Niedrig.

Das Ganze erinnert ein wenig an den Almahata Sitta Fall im Oktober 2008. Dieser ebenfalls sehr gut dokumentierte Fall resultieret immerhin in einem ca. 2 Kilotonnen starken Knall in 37 Kilometern Höhe über dem Sudan. Der Meteoritentyp war immerhin nicht der übliche Verdächtige, sondern einer der selteneren Ureilite.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Mutter Natur es ausnahmsweise mal so richtig vor laufender Kamera krachen lässt, eine Gratis-Sample Return Mission abliefert, und dann das Ding einfach so in einem vereisten See entsorgt. Und, anstatt endlich mal was neues, Spektakuläres abzuliefern, ist es dann halt doch wieder nur ein sehr gewöhnlicher Chondrit…

Andererseits ist das Ganze praktisch eine Sample-Return Mission, also genug Material zum Abarbeiten für Kosmochemiker. Wie schon angemerkt, nichts ist schadhafter für einen Meteoriten als unsere feuchte, sauerstoffreiche Atmosphäre. Die Dinger verrosten schlichtweg, und es bilden sich neue Minerale. Genug Material konnte nach dem Einfall offenbar eingesammelt werden. Bleibt zu hoffen, dass das große Hauptstück im See nicht allzu sehr oxidiert wurde.

Das es auch anderst geht, zeigte sich nicht lange danach, als ein Meteorit in Braunschweig einschlug. Aber dazu später mal wieder mehr.

Ein Kommentar zu “Kosmische Ironie (1): Der Fall Tscheljabinsk

  1. Pingback: Klein, aber fein (2): Meteoriten Kolloquium über und in Braunschweig | EXO- PLANETAR

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