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Der Wissenschaftler an sich ist eigentlich ein recht geselliges Wesen. Er/Sie verbringt durchaus gerne lange Nächte im Labor oder (eigentlich noch viel mehr) am Rechner. Das heißt aber noch lange nicht, dass es sich automatisch um verschrobene Einzelgänger handelt (auch wenn der Anteil doch recht groß ist unter den Forschern, Big Bang Theorie liegt gar nicht so sehr daneben).
Eine zentrale Rolle im Leben des Forschers spielen deshalb die Tagungen. Diese gibt es in groß und in klein, sie können sehr generell oder sich auf eine kleine Nische innerhalb einer nicht ganz so kleinen Nische konzentrieren (neudeutsch: Workshop).
Zweck einer Tagung ist natürlich zunächst, die eigene Arbeit zu präsentieren. Das kann in Form eines Vortrages stattfinden, wo man sich in der Regel für 10-15 Minuten (Fragen inklusive) der Kollegenmeute stellt. Die zweite Möglichkeit ist das Poster, hier stellt man sich einen Abend vor ein ca. 1 Quadratmeter großes Poster über die eigene Arbeit vor. Das ist eine gar nicht zu unterschätzende kreative Arbeit. Und dann wartet man (gerne vergeblich) ob jemand der vorbeiflanierenden Kollegen Interesse zeigt. Da kann man leicht den ganzen Abend traurig mit dem Bier in der Hand vor den ausgebreiteten Früchten seiner Arbeit stehen, und keinen (außer Kollegen, die für einen Small Talk anhalten) Interessiert es. Dann wieder kommt es zu sehr fruchtbaren Diskussionen, die gerne in langen Kollaborationen (wissenschaftliche Zusammenarbeit) enden.
Vorträge hingegen haben den Vorteil, dass man zumindest die Leute, die in der Session anwesend sind, erreicht (soweit sie nicht eingepennt sind). Dafür ist natürlich der Stress (Lampenfieber!) bei einem Vortrag ungleich größer, selbst alte Recken sind nicht immun dagegen – von einigen Selbstdarstellern abgesehen. Und da gibt es natürlich die hartnäckigen Frager …
So eine Veranstaltung hat für jüngere Teilnehmer (Studenten oder Doktoranden) trotz des involvierten Stresses eher Landschulheim-Charakter, man trifft oft Freunde und Feinde fürs Leben. Halt die Bezugsgruppe, die einen durch die wissenschaftliche Laufbahn begleiten wird und an der man sich misst, ähnlich wie mit den Mitschülern bei einem Abi-Treffen.
Und was das zukünftige akademische Leben betrifft, ist so eine Tagung auch eine Gelegenheit, an einen Job zu kommen. Ich selber habe meine erste PostDoc-Stelle über einen handgekritzelten Aushang auf einer LPSC in Houston, lange her, bekommen.
Dieser existenzielle Tagungsstress wird durch die soziale Komponente ausgeglichen. Man trifft neue und viele alte Kollegen (und auch solche denen man gerne aus dem Weg gehen würde, aber ich schweife ab). Alkohol wird gerne und in größeren Mengen genossen (was gerade die Poster Sessions erträglich macht, siehe oben). Das geht oft natürlich nahtlos in das über, was man heutzutage Networking nennt.
Ist für die lieben kleinen noch der wissenschaftliche Aspekt im Vordergrund, geht es für die älteren Semester dagegen geht es zunehmend geschäftsmäßig zu. Die Großkopferten präsentieren eher selten Forschungsergebnisse, hier geht es eher um Projekte und vor allem Gelder.
Und gerade in unseren finanziell klammen Zeiten (vor allem in der Forschung) ist so eine Tagung eine optimale Gelegenheit, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Deshalb tauchen im Windschatten der großen Tagungen dann immer die Presseveröffentlichungen mit echten oder gehypten Durchbrüchen.
Generell ist eine Tagung ideal, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was gerade so in der Branche läuft. Wissenschaftlich sowieso, hier spielen die Abstracts eine interessante Rolle – das sind die bis zu (sagen wir mal) zwei Seiten langen Zusammenfassungen der geplanten Präsentation(en). Diese Abstracts sind jetzt zwar keine Begutachteten(Peer-Review) Veröffentlichungen, aber sie geben eine Übersicht darüber, was wer gerade wo so treibt. Ein Schnappschuss der momentan Lage, sozusagen.
Für Steineklopfer mit Hauptinteresse an Meteoriten und ähnlichem gibt es, sagen wir mal, zwei wichtige Tagungen. Die eine findet im März in Houston statt und hört auf den Namen LPSC (Lunar and Planetary Science Conference). Da laufen dann schon mal deutlich über 1000 Wissenschaftler und andere interessierte/involvierte herum. Trotz des Namens geht es lange nicht mehr nur um den Mond, auch wenn die Tagung ursprünglich zur Präsentation der ersten Untersuchungen der Apollo-Proben entstand. Damals fand das Teil übrigens noch auf dem Gelände der NASA, dem Johnson Space Center statt. Heut natürlich aus Sicherheits- und Größen- und Kostengründen in teuren Hotels.
Die zweite Tagung ist die MetSoc, die Jahrestagung der Meteoritical Society. Hier geht es schon spezieller um die analytische Planetologie, also um die Laboruntersuchung von Meteoriten und ähnlichem. So ist die Tagung auch kleiner, je nach Veranstaltungsort bis zu knapp 500 Leute. Dieser Ort variiert von Jahr zu Jahr, die Idee ist, jedes Jahr den Kontinent zu wechseln. 2014 ist Casablanca dran, 2013 war es Edmonton in Kanada. Die Goldschmidt Tagung ist zwar generell auf Geochemie ausgelegt, hat aber viele Sessions (Sitzungen), die sich um Meteorite und ähnliches drehen.
Man kann sich vorstellen, dass das Ganze schon ins Geld (und die Zeit) geht. Deshalb sind auch kleinere, regional Treffen recht interessant. Man kommt hier vor allem mit diversen Leuten eher in Kontakt, die auf den großen Tagungen permanent umlagert sind.
Die EPSC ist so was wie die (nicht mehr ganz) so kleine Schwester der LPSC, nur halt in Europa.Im deutschprachigen Raum gibt es das Paneth-Kolloquium in Nördlingen, ein kuscheliges&kleines Treffen, welches immer dann stattfindet, wenn die MetSoc außerhalb Europas veranstaltet wird.

Natürlich lohnt es sich, auch über den Tellerrand hinaus zu schauen. Gerade erst fand die Herbstagung der AGU (American Geophysical Union) sate, die auch einiges an Planetologie bietet. Auch die astronomischen Konferenzen sind in der Regel von Interesse, gerade die Jahrestagung der AAS (American Astronomical Union) bietet hier einiges.

2 Kommentare zu “Der Wissenschaftler an sich (1): Tagungen

  1. Pingback: Früchte meiner Arbeit (2): LPSC 2014 | EXO- PLANETAR

  2. Pingback: Tagungen (Mal wieder): Vorschau Jahrestagung der Meteoritical Society 2014 | EXO- PLANETAR

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