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Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Magazinen, liebevoll auf denglisch Papers in Journals genannt, sind ein fundamentaler Gradmesser in der Wissenschaft. Ähnlich wie mit dem Geld, je mehr man hat, desto besser. Die Zahl der Veröffentlichungen, die Qualität der Journals, wo man die Dinger erfolgreich eingereicht hat und natürlich ob man eher erster, fünfter oder letzter auf der Autorenliste ist können schon mal über eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden. Oder, wie es so schön heißt: Publish or Perish, Veröffentlichen oder Vergehen.

Da ich gerade schlotternd auf die Entscheidung über eines meiner Paper warte, ein paar Sätze zu dem Thema.

Schon die Produktion des Papers ist ein oft zäher Prozess – man muss erst die Daten produzieren, dann das alles zusammenschreiben (natürlich auf Englisch), abhängig von der Zahl der Mitautoren eine beliebig komplexe und nervenaufreibende Angelegenheit an sich.

Dann aber wird das Paper eingereicht, und von mehreren Gutachtern (Referees) begutachtet. Der Prozess nennet sich Peer Review, also Begutachtung von ebenbürtigen Kollegen.

In manchen Journals kann man Vorschläge machen (oder gar bestimmte Kandidaten als Gutachter ablehnen). Oft arbeiten aber leider nicht viele Leute an einem Thema (gerade in der Planetologie) – dann kann durchaus ein direkter Konkurrent das Teil begutachten. Das bringt manche Kandidaten natürlich in Versuchung, es der Konkurrenz so richtig mit einem langen Gutachten reinzudrücken. Dummerweise kann das schnell nach hinten losgehen, wenn der abgewatschte Kollege seinerseits dessen Manuskript zur Begutachtung erhält. Alles schon passiert.

Und Gerüchte besagen, dass manche Editoren – die Leute, die auf der Journalseite die Begutachtung betreuen, gerade die abgelehnten Kandidaten als Gutachter auswählen, weil sie sich von denen eine besonders intensive Begutachtung erwarten ….

Oder, wenn es sich um ganz obskure Angelegenheiten handelt oder halt gerade niemand aufzutreiben war, wird jemand gewählt, der sich in dem Thema nur am Rande auskennt.

Da die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen rasant zunimmt, ist ein weiteres Problem. Und nicht alle Gutachter sind gleich gut oder fähig, und so steht zu befürchten, dass die Qualität der Gutachten zunehmend unter der Masse der Paper leidet. Der Veröffenlichungsdruck sorgt dafür, dass sogenannte ‚Least Publishable Units‘, minimal veröffentlichbare Einheiten, in Druck gehen. In anderen Worten, die wissenschaftliche Arbeit wird so weit zerstückelt, dass halt auch Angelegenheiten veröffentlicht werden, die vielleicht mehr Sinn als Teil eines größeren Papers machen würden. Vielleicht spielt auch der technische Fortschritt eine Rolle – die zunehmende Automatisierung erlaubt die Produktion gewaltiger Datenmengen im Vergleich zu früher. Und es ist viel einfacher, ein Paper mittels Textverarbeitung, Tabellenkalkulation etc. zusammenschrauben als noch vor 25 Jahren oder so. Mit Schreibmaschine und Taschenrechner war das alles noch zeitaufwendiger.

Wo genau reicht man so ein Paper ein? Was mein Fachgebiet im engeren Sinne betrifft, also die analytische Planetologie, auch Kosmochemie oder Meteoritenforschung genannt, gibt es gar nicht so viele Möglichkeiten. Wichtig ist der Impaktfaktor eines Journals, eine Zahl die die ‚Wichtigkeit‘ des Blattes angibt. Ob die Zahlen reell oder ausgewürfelt sind, weiß ich nicht, aber so als Orientierung taugen sie schon.

Ganz oben rangieren Science (Impaktfaktor ~31) und Nature (~39), die generell über Naturwissenschaften veröffentlichen. Wenn man da ein Paper (als Erstautor!) unterbringt, ist man beruflich praktisch ein gemachter Wissenschaftler. Allerdings hat Nature seine Marke etwas verwässert, indem es mehrere Fachspezifische Ausgaben herausbringt, Nature Geoscience wäre für Meteoritenangelegenheiten zuständig. Der Impaktfaktor ist zwar immer noch hoch (~12), aber es ist halt nicht so toll wie im Hauptblatt.

Ob die in den beiden Journals veröffentlichten Artikel wirklich automatisch so prall sind, sei dahingestellt (und nein, ich hatte bisher kein Paper bei diesen beiden). Ein gewisser Hang zu spektakulären Schnellschüssen bei weltraumissionsbezogenen Themen ist nicht ausgeschlossen.

Dann kommen die ‚richtigen‘ Journals, die sich auf das Gebiet konzentrieren. Geochimica und Cosmochimica Acta (4.4), sowie Earth and Planetary Science Letters (4.6) sind die Platzhirsche. Meteoritics & Planetary Science (2.8), Planetary and Space Science (2.3) und Chemie der Erde (1.8) folgen auf den Plätzen. Journal of Geophysical Reviews (Planets)(3.2) ist sehr renommiert, allerdings kümmert es sich ehe rum Oberflächenbeobachtungen und Fernerkundung von Planeten. Da gibt es viele Überschneidungen zur Meteoritenforschung, aber das meiste ist schon aus der Nachbardisziplin. Natürlich kann man wenn es das Thema zulässt, auch in den Journals aus der Astrophysik veröffentlichen. Icarus (3.2) fällt thematisch irgendwo zwischendrin rein (ist mein Lieblingsjournal, sind ziemlich flott und zuverlässig). Astrophysical Journal (6.7), Astronomy and Astrophysics (5.1) oder das altehrwürdige Monthly Notices of the Royal Astronomical Society (4.9) wären da Kandidaten.

Natürlich wird öfters auch in den speziellen Mineralogie/Petrologie-Journals veröffentlichet, und es gibt diverse regionale Blätter, aber die haben oft eher niedrige Impaktfaktoren. Und alles natürlich ohne Gewähr auf Vollständigkeit.

Außerdem gibt es natürlich noch z.B. Buchkapitel, die in der Regel auch begutachtet werden. Dagegen sind Tagungsbeiträge (‚Abstracts‘) in der Regel nicht begutachtet. Bei Proceedings, Veröffentlichungen von Tagungsbeiträgen als Papers, kommt es auf den Fall an.

Nach gerne mehreren Monaten Wartezeit folgt dann ein Moment absoluter Agonie, das Gutachten trifft ein. Eine mehr oder weniger detaillierte Liste der Mängel am Paper, oft berechtigt, manchmal aber auch nicht. Nur selten haben die Gutachter nix oder nur sehr wenig auszusetzen und das Paper wird sofort angenommen, accepted.

Die Zahl der Gutachter variiert, zwei sind aber die Regel, und der Editor, der das Paper betreut, legt gerne auch noch Hand an das Manuskript. Manche schicken ein Paper sogar nochmals raus, wenn sie das/die Gutachten als unzureichend empfinden.

Schlimmstenfalls wird das Teil einfach abgelehnt. In der Regel sind Minor, Moderate oder gar Major Revisions nötig. Das bedeutet noch mehr Arbeit, man muss das Paper eben gemäß den Anforderungen des Gutachtens überarbeiten, oder die Gutachter von der eigenen Position überzeugen. Oft handelt es sich nur um viele Kleinigkeiten wie missverständliche Formulierungen oder Unklarheiten, oder halt auch tiefergehende wissenschaftliche Angelegenheiten.

Und Gutachter sind auch nur Menschen. Mache sind freundlich, kompetent und korrekt (Idealfall). Denn kaum ein Paper ist in der ersten Version wirklich ‚fertig‘, und die Vorschläge der Gutachter haben zumindest in meiner Erfahrung die Paper oft deutlich aufgewertet. Gute Gutachter fungieren in dem Fall als inoffizielle Ko-Autoren, die oft mehr zu einem Paper beitragen können als manche richtige Mitautoren. Am anderen Ende rangiert der aggressive, gehässige Pedant, der mit Vorliebe die ersten Papers von Jungwissenschaftlern genüsslich zerfetzt und alles tut, einem die Freude an der Wissenschaft möglichst frühzeitig zu vermiesen. Die meisten Gutachter fallen natürlich irgendwo dazwischen.

Bei einer Major Revision kann das schon mal bedeuten, dass ein Paper praktisch total überarbeitet wird, ist mir schon ein paar Mal passiert. Und damit endet das Ganze nicht – die überarbeitete Version wird (samt einer genauen Liste der Änderungen/Antworten auf die Kommentare der Gutachter) zurückgeschickt, und die Warterei geht von vorne Los. Dann allerdings ist die Kuh in der Regel vom Eis, auch wenn manchmal noch ein zweites Gutachten eintrudelt, ist dieses dann in der Regel recht kurz.

Das erlösende Wort ist dann Akzeptiert – Accepted. Die finale Bearbeitung des Papers zieht sich dann noch gerne ein paar Monate hin, bis das Teil offiziell in Druck ist. Natürlich sind Paper heutzutage schon schnell online nachdem sie Akzeptiert wurden.

Dann geht die Sache mit den Zitaten los. Ein Paper zu Veröffentlichen ist eine Sache, jetzt kommt es darauf an, dass die lieben Kollegen (Scientific Community) so nett sind, und die Frucht der gemeinsamen Arbeit in ihren Papers erwähnen. Das ist schlichtweg ein Gradmesser für die Wichtigkeit der Arbeit, hoffentlich auch für die Qualität. Oder manchmal auch für das Netzwerk der Autoren. Kommt alle vor, es sind schon Freundschaften zu Bruch gegangen weil Leute nicht von Kollegen zitiert wurden. Manche ignorieren die Werke von Kollegen gar aus Prinzip völlig.

Und so bekommt man erst mit Verzögerung mit, wie die Resonanz zu einem Paper war. Es kann schon ein Jahr dauern, bis man so eine Idee hat – von der direkten Reaktion im Kollegenkreis mal abgesehen, aber da ist natürlich auch Höflichkeit dabei. Und ja, Paper können fast spurlos absaufen, ohne große Resonanz zu finden.

Wie schon oben angedeutet, ist man natürlich nicht nur Erstautor bei solchen Papers. Wissenschaftliche Veröffentlichungen finden in der Regel in Zusammenarbeit mit Kollegen, mit ‚Collaborators‘ statt. Das hört sich eher militärisch an, ist aber ganz zivil. Es ist zwar besser, so oft Erstautor wie möglich zu sein, aber auch Kleinvieh macht Mist.

Wie entscheidet sich, wer ganz vorne und wer weiter hinten auf der Autorenliste auftaucht? Zum Glück sind die Zeiten, in denen Professoren ganz selbstverständlich die Arbeit ihrer Doktoranden und Studenten unter ihrem Namen veröffentlichten, vorbei. Zumindest in meinem Gebiet würde ich das sagen – allerdings ist die Planetologie eher übersichtlich, das würde so was schon schnell auffallen.

Ich würde allerdings nicht ausschließen, dass solche Dinge durchaus noch vorkommen. Im Idealfall sollte natürlich die Person, die das meiste geleistet hat, Erstautor werden, gefolgt vom Rest je nach Umfang des Beitrags. Das ist dummerweise leicht gesagt, als getan – leicht lassen sich die einzelnen Beiträge zu einem Paper halt oft auch nicht quantifizieren. Deshalb kann in Fällen ‚Politik‘ durchaus eine Rolle spielen. Jorge Cham hat das, in seiner üblichen treffenden Weise, sehr schön in einem PhD Comic zusammengefasst.

Dann gibt es gerade auch in den planetaren Wissenschaften Papers, die als Teil größerer Projekte, in der Regel Raummissionen veröffentlicht werden. Da ist es Sitte, dass die Meute der PIs und Co-Is, Primary Investigators und Co-Investigators allesamt auf den ersten Papern (gerne in einer Sonderausgabe von Nature oder Science) mit drauf stehen. Diese Investigatoren sind die Leute die in Leitender Position das Projekt von den Anfängen betreut haben. Das kann durchaus ‚politische‘ Unterstützung bedeuten, die bei solchen Projekten sehr, sehr wichtig ist. Das können schnell über hundert Leute sein, in der Partikelphysik sogar mehrere hunderte oder mehr(das sind 2926 Autoren!).

Bei der STARDUST Mission wurden die Leute kurzerhand alphabetisch aufgelistet, um erst gar nicht in kleinliche Streitereien zu verfallen. Dummerweise Beginnt der Name des PI, also des eigentlichen Leiters der Mission, mit Z. So wurde extra für Dr.Zolensky ausnahmsweise von Science eine Autorenliste in umgekehrter Reihenfolge verwendet.

Wie gesagt, die Veröffentlichungen spielen eine gewichtige Rolle in der wissenschaftlichen Laufbahn. Vor allem in der frühen/mittleren Phase, wenn man noch keine permanente Stelle hat. Im ‚gehobenen‘ Dienst sind dann eingeworbene Gelder (Drittmittel) immer wichtiger.

Es gibt da mehrere Möglichkeiten, die Veröffentlichungen eines Wissenschaftlers einzuschätzen. Man sollte meinen, je öfter jemand als Erstautor von Papern in Journals mit hohem Impaktfaktor veröffentlicht, desto fähiger ist die Person.

Dummerweise hat sich da über die letzten Jahre der h-Index, der Hirschfaktor, ausgebreitet. Diese Zahl berechnet sich einzig aus der Zahl der Veröffentlichungen und den Zitaten. Der Grundgedanke scheint, das je länger ein Wissenschaftler tätig ist, seine Veröffentlichungen auch generell mehr zitiert werden sollten, wenn er gewichtigen Einfluss auf sein Gebiet hat. Ein-Hit-Wunder mit einem vielzitierten Paper oder Vielschreiber mit nicht/sehr wenig zitierten Veröffentlichungen würden nur einen niedrigen h-Index erhalten. Das hört sich zunächst schön an, aber: Nicht berücksichtigt werden Platz in der Autorenliste oder welches Journal. Nicht nur meiner Meinung nach ein gewaltiger Mangel.

Dieser erlaubt es, das System leicht zu unterlaufen – es reicht, Xter Co-Autor auf vielen Papern zu sein, um einen gleichen h-Indes wie jemand zu erhalten, der die gleiche Anzahl als Erstautor in Druck bringt. Zum Glück wird der h-Index nicht überall (oder ausschließlich) verwendet, aber gerade Personaler mit wenig Einblick in ein Gebiet sollen den h-Index gerne für Entscheidungen verwenden.

Zu guter letzt: Wo kann man die ganzen Paper eigentlich lesen? Abos für ein Journal sind gerne sehr Teuer, zumindest für Bibliotheken. Anderseits erhält man manche einfach über die Mitgliedschaft (kostet aber auch was) in einem Verband (z.B. Meteoritical Society). Als Wissenschaftler hat man in der Regel zugriff auf die meisten Kandidaten über die Unibibliothek. Natürlich in der Regel online, eigentlich bemühe ich mich nur noch für alte Paper in die staubige Bibliothek. Privatpersonen abseits der Unibibs haben es schwerer. Eine Möglichkeit, ist den/die Autoren direkt anzuschreiben, klappt in der Regel. Vor der Internet-Ära (die Älteren erinnern sich) war das sogar der übliche Weg, es gab sogar Postkarten mit Vordrucken für so ein Anschreiben.

Zum Glück setzt sich ArXiv, eine kostenfreie Datenbank für wissenschaftliche Veröffentlichungen, rasant durch. Die Verlage erlauben es in der Regel, das akzeptierte Manuskript (nicht die fertige, gesetzte Endversion) dort hoch zu laden.
Wer Paper über den NASA Dokumentenserver sucht (sehr empfehlenswert!), hat gleich einen Link zu den Veröffentlichungen auf ArXiv. Für eine Übersicht, was zurzeit im Gebiet läuft, ist die Cosmochemistry Papers Seite ideal.

Und das Warten hat ein Ende, Paper akzeptiert bei Icarus, hat sich die Plackerei gelohnt. Aber mehr darüber später, jetzt erst ein Bier.

14 Kommentare zu “Die Leiden der jungen Wissenschaftler: Veröffentlichen oder Verschwinden

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