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Und wieder eine Tagung vorbei. Von der thematischen Bandbreite her gab es auf der Europlanet oder EPSC 2014 in Cascais/Estoril (Portugal) alles von Kometen über Asteroiden bis hin zu planetaren Angelegenheiten. Aufgrund der zeitlichen Überschneidung mit der Tagung der Meteoritical Society (in Casablanca, Planetenforscher kommen schon rum) war dann halt nicht ganz so viel von primärem Interesse für eher analytisch ausgerichtete Gestalten wie mich. Und das Ganze war etwas ruhiger, weil halt ein ganzer Flügel des Fachgebietes aus der anderen Seite der Meerenge war.

Hier eine kurze Übersicht meiner Eindrücke, ohne Gewähr auf Vollständigkeit. Wie schon bei dem Eintrag Anfang der Woche angedeutet, war Rosetta natürlich das große Thema. Da wurde schon einiges drüber berichtet, mein Eindruck nochmal komprimiert: Der Komet ist also ein ziemlich poröser Geselle, bestehend aus 70% Nichts gemischt mit 20% Eis und knapp 10% Staub. Die Oberfläche ist sehr strukturiert, es lassen sich bereits Schlussfolgerungen über den inneren Aufbau ziehen. Der scheint aus Schichten zu bestehen, und deren Ausdehnung deutet auf vielleicht sogar mehr als nur 2 Ausgangskörper hin. Generell scheint die Ausgangslage für die Landung von Philae aufgrund der neuen Datenlage etwas verschlechtert zu haben – die Landellipse ist nun 1 Km lang, was eigentlich in allen möglichen Landegebieten problematisch ist, da die Oberfläche sehr uneben ist. Aber die Stimmung ist generell sehr optimistisch, die Leute mit denen ich gesprochen habe sind allesamt in bester Stimmung.

Viele neue Bilder gab es leider nicht, und wenn ich meine Kollegen richtig verstanden habe, ist die Absicht erst mal die erste Ladung an Daten zu verarbeiten. Falls meine Erinnerung richtig ist (Portugal=Rotwein=diffuse Erinnerungen) kann man einen großen Schub an Ergebnissen erst gegen Ende des Jahres nach der Landung von Philae erwarten.

Meiner Meinung nach eine etwas riskante Strategie – falls Philae hilflos rudernd im Kometenstaub versinkt, könnte das den Eindruck der Gesamtmission als Fehlschlag erwecken. Dabei ist der Orbiter bereits jetzt ein voller Riesenerfolg, die Beteiligten haben jetzt schon leuchtende Augen. Philae ist dann noch das Sahnehäubchen oben drauf.

Das ist die ideale Überleitung zu einer weiteren, massiv erfolgreichen Mission.
Auch viel Aufmerksamkeit bekam nämlich Cassini-Huygens – ja, Cassini gibt es immer noch, es wurde das zehnjährige Jubiläum begangen. Laut Chefwissenschaftler Taylor ist zwar Rosetta die ‚most sexy mission‘ wo es gibt, aber wenn man sich die Dekade an spektakulären Daten der Saturnsonde anschaut, so scheint bislang wohl Cassini mit Huygens der Titel zu gehören.

Leider kann ich als Steinklopfer wenig zur Wissenschaft sagen, aber es gab viele schöne Bilder. So erging es mir öfters, da eben mein Gebiet wegen der Terminprobleme nicht so massiv vertreten war. Deshalb noch ein paar subjektive Höhepunkte:

Natürlich gab es ordentlich Astrobiologie. Wie üblich eine Mischung aus eher vagen Angelegenheiten wo viel ohne Substanz präsentiert wurde, mit durchaus gehaltvollen Angelegenheiten. Besonders interessant fand ich die Modellierungen von (Exo)planeten. Bemerkenswert eine Studie vom DLR, Höning und Spohn, The importance of the Earth’s biosphere in stabilizing the large fraction of continental coverage and the wet mantle of present day Earth. Leben verstärkt die Sedimentationsraten, was zu mehr Wasser im Mantel und damit Plattentektonik führt. So würde Leben die Kontinentbildung möglicherweise stabilisieren.

Noack et al. präsentierten mit einem sehr schönen (und umlagerten) Poster Exotic water worlds: how life-friendly is a deep ocean? Da wurden verschiedene Varianten an Exoplaneten mit Wasseroberfläche durchmodelliert. Ein interessanter Schluss: zu hoher Wasserdruck könnte Plattentektonik verhindern. Das hätte Konsequenzen für die Habitability (Bewohnbarkeit) von manchen Supererden.

Immer ein beliebtes Thema: Impakte und Astrobiologie. Pasini et al. machten sich in Panspermia Survival Scenarios for Organisms that Survive Typical Hypervelocity Solar System Impact Event Gedanken, wie eben Leben einen Einschlag übersteht. Und zwar nicht auf dem dem Zielplaneten, sondern als Passagier auf einem Asteroiden, auf dem es gegebenenfalls durch den Weltraum transportiert wird. Ergebnis: Bei einem 200 Meter-Brocken könnten Lebensformen auf der einschlagabgewandten Seite in der Regel überstehen. Ob die auch die Hölle im Krater danach aushalten ist wohl eine eigene Studie wert.

Eine auf den ersten Blick unscheinbare Studie mit weitreichenden Konsequenzen ist Delbo et al., Thermal cracking as a source of regolith on asteroids. Körper im Sonnensystem ohne geologische Aktivität sind auf der Oberfläche mit Regolith bedeckt – ein Mix aus Gestein, das immer wieder durch Einschläge und Strahlung etc. zerbröselt, geschmolzen, gemischt und so weiter verändert wird. Delbo et al. haben festgestellt, dass die Einschlagsprozesse, die Regolith produzieren, in der Regel stark genug wären, selbigen gleich in den Weltraum zu blasen (gerade bei Asteroiden). Also sollte es gar nicht so viel Regolith da oben geben. Eine Lösung des Problems wäre eine alternative Bildung des regoliths durch thermischen Stress: extreme Kälte kombiniert mit extremer Hitze (gerade auf Körpern ohne Atmosphäre) zerlegen Gestein sehr schnell. Mögliche Konsequenz: Asteroiden, die der Sonne sehr nahe kommen, könnten durch diesen Prozess regelrecht weggeschmirgelt werden.

Wie schon erwähnt, spielen momentane und geplante Raummissionen eine wichtige Rolle auf der EPSC. Ein Beispiel ist die geplante Rückkehr Russlands zum Mond. Zeleny et al. präsentierten einen Überblick über die ab 2017 geplanten Sonden zum Erdnachbar. Luna 25 (die Nummerierung führt die aus den 60er/70ern fort, letzte war 1976 Luna 26) soll am Mondsüdpol landen. Geplant ist eine Serie an Landungen, Luna 28 soll dann Proben zurückbringen. Interessant das Design, die Ästhetik der alten Sonden wird ein wenig zitiert. Das erste Ziel ist Krater Boguslawsky, den sich Hiesinger et al. in Boguslawsky Crater, Moon: Studying the Luna-Glob Landing Site schon mal genauer angeschaut haben.

Es gab auch eine Sitzung zum Thema Rohstoffe von Kometen und Asteroiden. Ähnlich wie bei den Astrobiologen eine Mischung aus seriösen Präsentationen im Wechsel mit etwas abgefahrenen Angelegenheiten. Organisiert war die Sitzung von Deep Space Industries (ja, gibt es). Ein Beitrag des Vertreters der Firma, S.M. Ernst, Synthetic Reference Models of Small Body Interiors – establishing Standard Datasets for Benchmarks betonte eine bessere Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zum beiderseitigen Vorteil.
Die kommerzielle Ausrichtung der planetaren Forschung ist auf dem Gebiet etwas umstritten – es gab da eine interessante Grundsatzdiskussion im Vorfeld der LPSC dieses Jahr. Da trafen idealistische Apollo-Ära Wissenschaftler und Astronauten auf heutige Geschäftsleute. War sehr interessant.

Insgesamt eine recht gehaltvolle Tagung, ein wenig ruhig, was vor allem bei der Postersession auffiel. Dafür genug Gelegenheit, mit den Leuten zu reden. ich selber hatte nur ein Poster über meine Laborarbeit für den IR-Spektrometer MERTIS auf der BepiColombo Mission.
Nächstes Jahr findet die EPSC 2015 in Nantes statt, wird interessant werden – wir werden wissen, wie Rosetta ausging, Dawn wird Ceres erreicht haben (Februar), und New Horizons ist schon am Pluto vorbeigedüst.

2 Kommentare zu “Nachschlag Europlanet/EPSC 2014

  1. Pingback: Allgemeines Live-Blog ab dem 13. September | Skyweek Zwei Punkt Null

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