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Also dann mal wieder was über Astrobiologie, trotz meiner generellen Skeptik bezüglich dem Thema. Es geht um das Paper NanoSIMS analysis of organic carbon from the Tissint Martian meteorite: Evidence for the past existence of subsurface organic-bearing fluids on Mars, erschienen in Meteoritics&Planetary Science (MAPS). Autoren: Yangting Lin vom Institute of Geology and Geophysics an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, plus 17 Mitautoren. Die meisten aus China, die Gewichte in der Forschung verschieben sich auch in der Meteoritenforschung. Interessant auch das Journal: MAPS ist so etwas wie das Vereinsblatt in der Meteoritenforschung. Das ist jetzt nicht abwertend gemeint, die Publikationen dort sind in der Regel völlig in Ordnung. Aber in der Regel werden die ’spektakulären‘ Papers (oder die man dafür hält) eher bei den Blättern mit höherem Impaktfaktor (Geochimica et Cosmochimica Acta, Icarus etc.)eingereicht.

So haben die Autoren möglicherweise selber gar nicht mit dem ordentlichen Echo gerechnet, das ihr Paper ausgelöst hat.
In de Paper geht es um kleine (<10 µm) Partikel kohlenstoffhaltigen Materials im Marsmeteoriten Tissint. Mittels Ramanspektroskopie wurden zwei verschiedene Arten identifiziert – Diamant und Kerogen. Das praktische an der Ramanspektroskopie ist, dass man in situ, also direkt auf einer Probe mit sehr hoher räumlicher Auflösung (so um 2 µm) Material charakterisieren kann. Dabei wird ein Laser auf den Punkt von Interesse gerichtet, und die Frequenzverschiebung des reflektierten Lichtes gemessen. Je nach Molekülstruktur eines Materials erhält man ein Spektrum aus zackigen Linien, anhand dessen man die Substanz bestimmen kann.
Die kohlenstoffhaltigen Partikel wurden in feinen Rissen innerhalb von Mineralen gefunden, aber auch eingebettet in Glas. Und gerade diese Partikel sollten wohl tatsächlich vom Mars stammen – das Glas entstand wohl durch die Stoßwellen bei größeren Meteoritenimpakten auf dem frühen Mars, und auch die Diamanten sind ein deutliches Anzeichen dafür.

Denn ein offensichtliches Problem mit kohlenstoffhaltigem Material in Meteoriten ist die Möglichkeit irdischer Kontamination. Und Kohlenstoff in all seinen Varianten schwirrt überall auf dem Planeten herum.

Tissint fiel im Juli 2011 über Marokko. Ungefähr drei Monate später wurden von Nomaden die ersten von inzwischen knapp 11 Kg Material gefunden. Bei Meteoriten ist es – gerade wegen der Kontaminationsprobleme – besonders wichtig, dass sie schnellst möglich nach dem Fall eingesammelt werden. Der wissenschaftliche Wert von den ‚Finds‘ ist deshalb besonders hoch.
Tissint fällt da in eine Lücke – die drei Monate in der Wüste hören sich jetzt nicht besonders viel an, aber man weiß halt nicht was mit dem Meteoriten in der Zwischenzeit so passiert ist. Aber unter den über 100 Marsmeteoriten gibt es gerade 5, die schnell nach dem Fall eingesammelt wurden, da kann man nicht wählerisch sein.

Nachdem also einigermaßen brauchbare marsianische Kohlenstoffbrösel gefunden worden waren, wurden diese mittels einer weiteren Technik genauer untersucht: NanoSIMS. SIMS steht für Secondary Ion Mass Spectroscopy. Wie der Name sagt, ein Ionenstrahl rastert die Oberfäche der Probe ab, und dadurch produzierte Ionen werden mittels einem Massenspektrometer analysiert. Die SIMS-Technik hat sich gerade über die letzten 10-15 Jahre rasant verbreitet, noch vor 20 Jahren waren SIMSen eher seltene, teure und sehr aufwendig zu betreibende Großgeräte.

Diese Technik wird in der Meteoritenforschung vor allem benutzt, um eben wieder in situ Isotopenverhältnisse messen zu können. Die NanoSIMS der französischen Cameca ist vor allem darauf optimiert, kleine Probengebiete zu ‚kartieren‘, also eine Übersichtskarte der Isotopenverhältnisse zu messen. Das macht die Suche nach interessanten Isotopenzusammensetzungen deutlich einfacher als die Probe mit Einzelmessungen abzusuchen. Die NanoSIMS erlaubt Auflösungen von um die 50 Nanometer.

Isotopenverhältnisse der Partikel an Stickstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff wurden mit diesem Gerät gemessen. Die Verhältnisse der Wasserstoffisotopen liegen weit weg von irdischen Werten. Da dieses Isotopensystem sehr leicht durch Kontamination zu beeinflussen ist, deutet auch diese auf einen Ursprung der Partikel auf dem Mars hin. Und zeigt auch, das Tissint in der Tat recht ‚pristin‘, als ursprünglich ist. Was man misst, lässt sich also wohl auf den Mars beziehen.

Während die Isotope des Stickstoffs ähnlich der irdischen sind, tanzen die von Kohlenstoff aus der Reihe. Genauer, der Unterschied der Verhältnisse zwischen den Kohlenstoffpartikeln und der Marsatmosphäre ist ähnlich dem von organischem Material in Sedimenten auf der Erde (wie auch Öl und Kohle) im Vergleich zur Atmosphäre. Das könnte man als Indiz oder Hinweis für ähnliche, biotische Prozesse bei der Bildung der Kohlenstoffpartikel deuten. Allerdings, ein direkter Beweis ist es halt dann doch nicht.

Kohlige Chondrite haben vergleichbare Isotopenverhältnisse. Und es ist nicht ganz unvorstellbar, das eben bei den Impakten, die das Gestein des Meteoriten geschockt haben (oder generell davor), solches Material (samt Isotopenratios) irgendwie in die Spaltrisse von Ur-Tissint gelangt sind. Weitere Möglichkeiten sind die Entstehung in vulkanischen Prozessen. Diese werden in dem Paper allerdings als unwahrscheinlich bezeichnet, was aber andere Forscher nicht überzeugt.

Also alles noch offen, von dem Meteoriten gibt es noch genug Material für einige Runden in dieser Diskussion.

Ein Kommentar zu “Tissint, Leben auf dem Mars (oder wohl doch eher nicht).

  1. Pingback: Aeolis Mons: in Episoden aus See-Sedimenten? | Skyweek Zwei Punkt Null

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