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Hier komme ich noch mal auf den Beitrag über die Chondren letztes Jahr zurück. Die Älteren unter uns erinnern sich:

Die große, geheime Leidenschaft der Meteoritenforscher sind wohl die Chondren, kleine, eher kugelrunde Angelegenheiten aus Silikaten meistens in der Größe von unter einem Millimeter. Ein schönes Übersichtspaper von Friedrich et al. hier aus ArXiv.

Zehn Kosmochemiker haben in etwa 12-13 Theorien über die Entstehung dieser Dinger, mindestens. Und eigentlich jeder hat schon mal irgendwas mit Chondren gemacht, es scheint eine Art Initiationsritus für Meteoritenforscher zu sein.

Wie können die Teile also entstanden sein? Wohl aus kleinen Staubbällchen, die im jungen Sonnensystem so ordentlich durch die Mangel genommen wurden. Chondren wurden Aufgeheizt und geschmolzen, und kühlten flott wieder ab. Es gibt Anzeichen, dass das Material mehrere Male von der Prozedur betroffen war. Die Möglichkeit des Recyclings älterer Chondren wird auch diskutiert, ist aber umstritten aufgrund der chemischen Heterogenität (z.B. Hezel et al. hier).

Die Vorschläge reichen von Schockwellen, die für Reibung zwischen Gas und Staub sorgten. Diese könnten durch einfallendes Material verursacht worden sein, oder durch umherirrende Planeten. Weitere Kandidaten sind Strahlungsausbrüche der jungen Sonne, oder der X-Wind. Oder gar Blitze.

Eine Außenseiter-Theorie sind die Entstehung durch Kollisionen oder Impakte.

Und genau diese Außenseiter-Theorie wird nun durch ein Nature-Paper von renommierten Forschern gestützt: Impact jetting as the origin of chondrules von Brandon C. Johnson (et al.). Leider nur der Original-Artikel, nix auf ArXiv (hier aber ein Tagungsabstact).

Die Modelle sehen Kollisonen auf Planetesimalen (wachsende Jungplaneten) in der Größenordung Mond und größer als Ursache. Wichtige Bedingung: die Zusammensetzung des Oberflächenmaterials muss chondritisch sein, der Körper darf also nicht vollständig aufgeschmolzen und rekristallisiert (differenziert) sein. Und die Planetenbildung ging sehr schnell voran im jungen Sonnensystem, bereits zur Zeit der Chondrenbildung in den ersten Millionen Jahren gab es ausreichend große Planetesimale (siehe auch die jüngsten ALMA-Daten).

Das bei der Kollision über die Fluchtgeschwindigkeit hinaus beschleunigte Material hätte dann die Mutterkörper der Chondrite gebildet.

Die Charakteristika der gebildeten Chondren (also schnell abgekühlter Schmelze aus dem Impakt) scheinen recht gut zu den Chondren aus den Meteoriten zu passen, wie auch der zeitliche Ablauf.

Ebenfalls erklärt wird durch dieses Modell die feinkörnige Matrix, in welche die Chondren in Meteoriten eingebettet sind. Diese würde aus beim Impakt nicht aufgeschmolzenem, aber gründlich pulverisiertem Material enstanden sein.

Die in den Modellen entstandene Masse an Chondren ist bis zu ordentlichen 10 hoch 23 kg, im Vergleich zu 10 hoch 21 kg für den heutigen Asteroidengürtel. Da ist also ordentlich Material wo anders gelandet, wie z.B. in Planeten.

Stichwort Asteroiden und Chondrite: Dieses Modell, wenn (!) bestätigt, hätte auch Auswirkungen auf das kosmochemisch des jungen Sonnensystems.

Momentan geht man davon aus, das Chondrite und aus diesem Material bestehende Asteroide die Baublöcke, also das Ausgangsmaterial für die Planeten darstellen. Das Modell von Johnson und seinen Mitstreitern würde die Chondrite zu Nebenprodukten der Planetenbildung degradieren…

Und das dürfte ordentlich Widerspruch generieren, weil die Begründung der intensiven Studie der Chondren eben die Untersuchung der Zustände in der protoplanetaren Gas- und Staubscheibe im ganz jungen Sonnensystem ist. Wären Chondren nur nachgeordnete, sekundäre Produkte, dann wäre ein ordentlicher Teil der Meteoritenforschung wieder am Ausgangspunkt angelangt.

Alles zwar noch im Konjunktiv, aber es bleibt spannend.

 

 

2 Kommentare zu “Chondren (Nachschlag)

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