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Wie schon öfters erwähnt, die Zeit vergeht etwas zu schnell für meinen Geschmack. So steht wieder die größte jährliche Tagung in den planetaren Wissenschaften vor der Tür, die Lunar and Planetary Science Conference Nummer 46 (LPSC), wie immer in Houston, Texas.

Jedes Jahr nehmen tausende Wissenschaftler den Stress auf sich, um für noch mehr Stress zum Teil um den halben Planeten zu fliegen. Die Flugzeit Frankfurt-Houston ist immerhin 11 Stunden, und dann muss man erst zum Flughafen hin bzw. wegkommen. Die Tagung über schläft man dann in etwas überteuerten Hotels in der Umgebung, dem lieblichen Woodlands nördlich von Houston.

Angefangen hat die Tagung als Treffen zur Präsentation der Untersuchungen der Apollo-Proben. Seit 1970 läuft die Tagung, zunächst auf dem Gelände des Johnson Space Centers (bekannt von Houston & dem Problem). Damals bekam man als Tagungsteilnehmer noch ein NASA-Badge (Namensschild), das war natürlich richtig kuuuhl. Seit 2002 wurde die schon aus allen Nähten platzende Tagung dann in Hotels in der Umgebung verlagert, auch wegen 9/11.

Zum Warmlaufen (oder um den Jetlag zu überwinden) findet am Samstag schon das Microsymposium, Nummer 56 statt, Thema: The Crust of the Moon: Insights Into Early Planetary Processes. Gegründet wurde dieses Treffen von der Brown Universität und dem Moskauer Vernadsky Institut. Während der 70er Jahre gab es trotz Tauwetter noch nicht einen so regen Austausch über die politischen Blockgrenzen Hinweg (die älteren erinnern sich: kalter Krieg und so).

Sonntag Abend dann der Icebreaker, ein gemütliches Beisammensein um eben das Eis zu brechen. Dank Sparmaßnahmen ist das Bier leider nicht mehr umsonst, und das Buffet ist schnell weggefressen, was das Ganze ein wenig erschwert (zur Not geht man sich halt einfach aus dem Weg).

Natürlich geht es bei einer Tagung auch um Wissenschaft. Aber halt nicht nur. Man netzwerkt auf gut neudeutsch auch ordentlich, je länger man in der Branche ist, desto wichtiger ist dieser Teil. Es geht um Zusammenarbeit, Geld oder einfach Jobs, in beliebiger Kombination. Man hat hier die meisten wichtigen Leute eben auf einem Haufen.

Wissenschaftlich ist so ein Treffen auch eine ideale Gelegenheit mitzubekommen, was so in der Branche läuft, um den Finger in die Luft zu halten. Und natürlich, in welche Richtung sich das Ganze bewegt. Das kriegt man hier geballt mit. Und die meisten der Präsentationen werden früher oder später zu richtigen Veröffentlichungen verarbeitet. Man kriegt also mit, was die Konkurrenz so treibt (das gilt natürlich auch anders herum)

Wenn man nun etwas auf der Tagung vorträgt (oder auch nur in eine Präsentation involviert ist), dann reicht man einige Monate zuvor einen Abstract ein. Das ist bei der LPSC eine bis zu 2 Seiten lange Zusammenfassung des geplanten Vortags (oder Posters). Das ist recht lang, bei vielen Tagungen reicht schon ein Absatz. Dafür sind die LPSC Abstracts immer eine praktische Momentaufnahme des Zustands der planetaren Wissenschaften. Diese werden durchaus auch öfters in Papern zitiert, auch wenn es sich nicht um begutachtete Veröffentlichungen handelt. Das Programm für dieses Jahr ist hier. Entsprechende Abstracts sind im folgenden direkt verlinkt.

Am Montag geht es dann richtig los (von Hangover-Leichen mal abgesehen), die ersten vier Sitzungen sind alle über laufende Raummissionen. Zum Beispiel über laufende Mondmissionen:
RESULTS FROM RECENT LUNAR MISSIONS: LADEE, GRAIL, CHANG’E-3
Über letztere nur ein Vortrag (Li et al.), aber mit der Ankündigung über die Ergebnisse des chinesischen Rovers, da ist bisher noch nicht viel bekannt.

Dann weiter zum Mars, GALE CRATER, MARS: GEOMORPHOLOGY AND GEOCHEMISTRY sollte wohl vor allem über die jüngsten Ergebnisse von Curiosity sein, Statusberichte von den diversen Instrumenten.

Und dann Merkur, in MERCURY: SWING LOW, SWEET CHARIOT werden die Ergebnisse der auslaufenden MESSENGER-Mission präsentiert. Dank der Sonde hat man jetzt ein deutlich besseres Bild von dem sonnennächsten Planeten. Aus einer kaum charakterisierten Steinkugel wurde seit 2011 ein Planet mit detailliert analysierter Oberfläche. Zum Beispiel präsentieren Vander Kaaden et al. die chemische Zusammensetzung verschiedener Regionen der Oberfläche in Petrologic Diversity of Rocks on Mercury.

Und dann natürlich SPECIAL SESSION: ROSETTA. Nicht so viel wie ich erwartet hätte, schwindet das Interesse etwa schon? Wie auch immer, sollte genug Interessantes dabei sein.  Zum Beispiel die Ergebnisse vom Massenspektrometer Ptolemy auf Philae von Wright et al. (First Measurements of teh Surface Composition of 67P Using the Ptolemy Mass Spectrometer). A’Hearn und Feaga gehen zum Beispiel nochmal genauer auf die Wasserstoffisotopie und die (nicht) Verbindung zum Erdwasser ein (D/H and the Origin of Earth’s Water).

Mittags dann die Fortsetzung des letztjährlichen Showdowns über Wasser auf dem Mond in LUNAR VOLATILES. Allerdings sind nur wenige der Teilnehmer letztes Jahr dabei, die Thematik scheint sich (gerade wohl auch wegen der Ergebnisse letztes Jahr) ein wenig totgelaufen zu haben. Es ist alles komplizierter, weshalb auch Details der Zusammensetzung der Flüssigkeit immer wichtiger werden, wie die Konzentrationen an Fluor, Schwefel oder Chlor. Wie z.B, die SIMS -Studie von Jessica Barnes et al.: Volatiles in the Lunar Crust – An Evaluation of the Role of Metasomatism.

MARS POLAR PROCESSES setzt die Thematik auf dem Mars fort, ist aber nicht so mein Thema weshalb ich mich zurückhalte.

Und auch die erste Sitzung über primitive Meteorite steht im Zeichen der Flüssigkeiten – CHONDRITE COMPONENTS I: PARENT BODY ALTERATION. Also was passiert, wenn dass ganze Material aus dem allerfrühesten Sonnensystem auf den Planetesimalen nass wird. Detaillierte Untersuchungen von kosmischem Matsch, aber auch mit unerwarteten Aspekten: Präsolare Silikate, die all diese Alteration einigermaßen überstanden haben (Distribution and Abundance of Presolar Silicate and Oxide Stardust in CR Chondrites von Leitner et al.)

Nach all den analytisch geprägten Sitzungen dann noch was für die Modellieren – GEODYNAMICS: THE FORCE AWAKENS. Jemand muss mit dem exponentiell wachsenden Datenhaufen ja auch was anstellen. Mars, Eismonde oder gar Asteroide, da ist für jeden was dabei. So zum Beispiel Rhoden et al. mit einer Studie über Gezeiten, Ozeane und Risse auf Mimas (Testing the Mimas Ocean Hypothesis Using Tidal-Tectonic Theory).

Am Abend dann noch eine ganz wichtige Veranstaltung: Das NASA Headquarters Briefing. Wichtige Leute aus der Planetary Sciences Division (manchmal auch noch höher)  liefern einen Statusbericht über laufende oder geplante Projekte ab, und werden dann in der Regel von den Anwesenden (verbal) abgewatscht. Ist halt nie genug Geld da.

Danach ist die offizielle Arbeit für Montag getan, der gesellige Teil (der eigentlich auch oft Arbeit ist) beginnt.

 

2 Kommentare zu “Vorschau 46th Lunar and Planetary Science Conference 2015 (1): Alle Jahre wieder

  1. Pingback: 46th Lunar and Planetary Science Conference 2015: Nachglühen | EXO- PLANETAR

  2. Pingback: Die gleiche Prozedur wie jedes Jahr: Lunar and Planetary Science Conference 2015 in Houston (Rückblick) › Exo-Planetar › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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