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Montag zählt nicht wirklich. Etwa die Hälfte der Anwesenden ist mehrere Zeitzonen abwesend. Erst ab Dienstag pendelt sich die Sache ein.

Dienstag also. Gleich fünf Sitzungen am Morgen. In der Mondforschung beschäftigt man sich in der Regel mit sehr altem Material und Prozessen, unter ein paar Milliarden Jahren geht da eher wenig. Die SPECIAL SESSION: HOW YOUNG IS YOUNG? beschäftigt sich mit ‚jüngeren‘ Angelegenheiten, jung im Sinne von hunderten Millionen Jahren. Hier läuft viel über die Zählstatistik der Mondkrater, mit der Gebiete auf der Mondoberfläche datiert werden können. Aber auch die momentane Kraterrate ist von Interesse, siehe McEwen et al.,CURRENT IMPACT RATE ON EARTH, MOON, AND MARS.

Am anderen Ende der Größenskala ist die Session GEOCHEMISTRY AND PETROLOGY OF MARTIAN METEORITES angesiedelt. Von den Teilen gibt es immer mehr, gerade dank der jährlichen Antarktis-Expeditionen. Viel Mikroanalytik von Marsmeteoriten.

Ebenso in ORIGINS OF THE SOLAR SYSTEM: ISOTOPE COSMOCHEMISTRY. Eine ganze Ladung an Hardcore-Isotopenchemie von oft eher obskuren Elementen in der ganzen Bandbreite an Meteoriten. Schön, dass sich jemand die Mühe macht, den Wust an Ergebnissen der verschiedenen Isotopensysteme (Und Daten produziert der Kosmochemiker gerne) unter einen Hut zu bringen, wie z.B. Ed Young von der Uni Los Angeles: THE BIRTH ENVIRONMENT OF THE SOLAR SYSTEM ASSESSED USING A BAYESIAN ANALYSISOF RADIONUCLIDE CONCENTRATIONS.

Den besten Titel hat wohl die Session CERES AND DAWN: YOUR LAST CHANCE TO TALK ABOUT CERES BEFORE DAWN DATA WRECK YOUR THEORIES. Die Raumsonde Dawn ist wohl das erste echte interplanetare Raumschiff (zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, da es in den Orbit um zwei verschiedene ‚planetare‘ Körper geht). Nachdem Asteroid Vesta abgegrast ist, wird nun Ceres unter die Lupe genommen. Rechtzeitig zur Tagung sollte wohl vorzeigbares Material vorhanden sein. Bis dahin kann noch spekuliert werden, wie der Titel sagt.

Dann noch eine meiner regulären Lieblingssitzungen: Die Modellierung von großen Impakten und Kollisionen in HIT ME UP! IMPACT MODELING AND EXPERIMENTS. Da werden gleich mal ganze Planeten aufeinander losgelassen. Bruck und Schultz verknüpfen in IMPACT DELIVERY OF WATER AT THE MOON AND MERCURY das Ganze mit der alten Wasserfrage.

Das ist eine gute Überleitung zu den Nachmittagssitzungen. Auf der guten, alten Erde gibt es genug Krater aus vergleichsweise kleinen Einschlägen. In TERRESTRIAL IMPACT CRATERING geht es um ‚neue‘ Einschlagskrater (also kürzlich entdeckte, nicht neu entstandene). Aber auch alte Veteranen wie das Nördlinger Ries werfen wissenschaftlich nach wie vor etwas ab. Zudem ein kürzlich entdeckter spektakulärer astrobiologischer Aspekt von Impakten: BIOMASS CAPTURE AND SURVIVAL IN METEORITE IMPACTS von Howard und Bland. Wie kann organisches Material in erkennbarem Zustand in Impaktschmelzen erhalten bleiben ?

Eigentlich heißt es Exobiologie, nicht Astrobiologie (wohl da letzterer Begriff zu oft missbraucht wurde). So heißt die entsprechende Sitzung auch EXOBIOLOGY: PREBIOTIC CHEMISTRY TO EXTREMOPHILE BIOLOGY. Wie üblich bekenne ich mich zu meiner Skepsis. Aber auch gutes Material, wie von Cannon und Mustard, die in FOLLOW THE GLASS: PRESERVATION AND COLONIZATION POTENTIAL OF MARTIAN GLASSBEARING IMPACTITES obiges Thema weiterführen. Schon zu sehen, wie sich aus einer Studie letztes Jahr so langsam ein eigenes, kleines Forschungsgebiet entwickelt.

MARS GEOMORPHOLOGY AND CLIMATE: FIRE AND ICE zeigt wie sehr sich die planetaren Wissenschaften über die letzten 20 Jahre entwickelt haben. Man ist in der Lage, laufende Prozesse zu Beobachten anstelle von Momentaufnahmen.

PLUTO, KUIPER BELT OBJECTS, AND NEW HORIZONS: CASTING LIGHT ON DARK WORLDS ist das Gegenstück, hier geht es um Körper die gerade jetzt ‚enthüllt‘ werden.

Dann wieder zurück in bekannte Gefilde. Um die Frühphase der Planetenentstehung geht es in PLANETARY DIFFERENTIATION. Also detaillierte Isotopenstudien etc. Das hört sich harmloser an als es ist – das Zerlegen von Gestein mit Säure für hoch präzise Isotopenangelegenheiten ist eine sehr gefährliche Angelegenheit.

Und es geht noch härter. EARLY SOLAR SYSTEM CHRONOLOGY ist das Ganze in noch vielkomplizierter, wir reden über die Datierung der allerersten Vorgänge im noch jungen Sonnensystem. Oberstes Problem: was genau ist das älteste Material in unserem Sonnensystem. Gar nicht so einfach…

Am Abend dann die erste Postersession. Hört sich mal wieder harmlos an, ist es aber nicht.
Auf der LPSC sind Poster in der Größe von etwa 90cm mal 90 cm, A0 geht auch. Hauptsache, die Teile passen auf die Stellwand. In so einem Poster kann ordentlich kreative Arbeit stecken – man muss die eigene Forschung auf ein paar aus einigen Metern Entfernung sichtbare Schlagzeilen und Bilder kondensieren, kaum jemand kann Textwüsten beim Vorbeigehen aufnehmen.

Früher (bis so späte 90er) waren die Poster noch richtige, handgemachte Dinger, Fotos, Ausdrucke, Kopien auf Pappe zusammengeklebt. Von ein paar unentwegten mal abgesehen, werden Poster heute natürlich am Stück ausgedruckt. In der Regel stecken die jüngeren Teilnehmer mehr Fleiß in ihre Poster, da sind zum Teil richtige kleine Meisterwerke dabei. Wenn dann auch der Inhalt stimmt, hinterlässt das schon einen guten Eindruck. Persönlicher Favorit: Ein Poster vor zwei Jahren, welches die präsentierten Ergebnisse von kleinen Southpark-Figuren ausdiskutieren lässt.

Die Poster also sind in mehreren parallelen Reihen in einer großen Veranstaltungshalle untergebracht. Dort, so die Idee, stellt man sich neben sein Poster und erklärt es der interessierten, vorbeischlendernden wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Um etwaige kommunikative Hemmschwellen herabzusetzen, gibt es eine Bar (aber das Bier ist nicht mehr umsonst).

Die beiden Postersession sind das eigentliche, gefühlte Herz der Tagung. Man hat alle Teilnehmer konzentriert auf einem Haufen, und in einem ansprechbaren Zustand (am Anfang, oft vom Pegelstand abhängig). Im Wesentlichen haben die meisten der Vortragssession auch eine entsprechende Postersitzung. Und in der Regel landen die (vermeintlich) wichtigeren Beiträge in den Vortragssitzungen. Manche Autoren fahren zweigleisig, das Poster dient als Möglichkeit, den Vortrag weiter auszudiskutieren.

Ich selber werde an diesem Termin gleich zwei Erstautorposter haben (wobei ich erst gar nicht einen Vortrag beantragt habe). Für manche Themen hat es aus dem einen oder anderen Grunde nicht für eine Vortragssession gereicht (der Platz ist halt begrenzt).

So zum Beispiel für GENESIS: STILL BUSY AFTER ALL THESE YEARS. Auch ohne Peter Gabriel läuft noch einiges bei der vermeintlich anfangs gescheiterten Mission. Wir erinnern uns, die Sonde mit eingefangenen Partikeln des Sonnenwindes bohrte sich 2004 beinahe angespitzt in den Boden. Dennoch gelang es substantielle Ergebnisse zu retten, und Untersuchungen laufen nach wie vor.

RESULTS FROM THE CHANG’E MISSIONS ist eine ganze Ladung Poster für die chinesische Mondsonde (im Gegensatz zu nur einem Vortrag Montag). Da sage ich mal erhöhtes Interesse voraus.

Impakte werden nach Strich und Faden durchdekliniert, sowohl analytisch, in Modellen und mit Experimenten Da beschießt man unter anderem Proben mit Projektilen (also regelrechte interplanetare Artillerie). Da darf man im Namen der Forschung gerne mal mit Explosivstoffen hantieren. So zum Beispiel Katherine McDermott et al. mit HYPERVELOCITY IMPACTS INTO MULTI-LAYER TARGET WITH AN ICE CRUST OVER A SUBSURFACE OCEAN. Das ist gerade von Interesse für Einschläge auf Eismonden, aber halt auch wie mögliche Einschläge in den Polarregionen.

Und natürlich Mars, in rauen Mengen. Viel Morphologie, also die Studie von Oberflächenstrukturen. Dank der zahlreichen Orbiter gibt es massenhaft Daten, auch über einen längeren Zeitraum, so dass Veränderungen erfasst werden können. Aber auch massenhaft Untersuchungen von Marsmeteoriten.

Proben von anderen Planeten sind aber selten, weshalb es empfehlenswert ist, wenn nur möglich mit Analogmaterial zu arbeiten. Also aufgrund von vorhandenen Daten entsprechendes Gestein selber zu produzieren, um Experimente damit zu machen, anstatt teures Orginalmaterial zu verheizen. Es gibt gleich drei Postersitzungen: Mars, terrestrische und generelle Analoge. Da ist auch eins von meinen Postern dabei.

Auch stark vertreten: Poster für geplante Raummissionen. Da ist was für jeden dabei, vom Mond, Mars bis zu den Eiskugeln. Natürlich haben die meisten Missionen oder Instrumente keine reale Chance auf Verwirklichung, aber schon interessant was technisch möglich ist. zum Beispiel die CubeSats, standardisierte und günstige Raumsonden. Zum Beispiel für Mondmissionen: NANOSWARM: A CUBESAT DISCOVERY MISSION TO STUDY SPACE WEATHERING, LUNAR MAGNETISM, LUNAR WATER, AND SMALL-SCALE MAGNETOSPHERES. Und natürlich auch vertreten ist LUNAR MISSION ONE: THE FIRST CROWDFUNDED MISSION TO THE MOON PRESENTING NEW OPPORTUNITIES FOR LUNAR SCIENCE. Wie der Titel sagt.

Und dann noch jede Menge Public Outreach, Öffentlichkeitsarbeit: EDUCATION AND PUBLIC OUTREACH. Wird auch immer wichtiger.

Mit Postern ist das natürlich so eine Sache – bei Vorträgen ist das Publikum halt da und man hat für 10-15 Minuten die Aufmerksamkeit. Bei Postern kann man gerne 3 Stunden da stehen, ohne dass sich jemand für das Teil interessiert. Andererseits, die interessantesten Diskussionen finden dann eben doch eher am Poster statt, wo man eben die Zeit hat. Und irgendwelche alten Bekannten kommen zumindest auf einen Schwatz vorbei.

Am Dienstag folgt dann die Hawaii Party. Auch so eine traditionelle Veranstaltung, die von Studenten von der Uni Hawaii, wo es ein sehr umtriebiges Institut für Planetologie gibt, veranstaltet wird. Es quetscht sich dann ein ordentlicher Teil der Teilnehmer (mit umhängtem Lei) auf zwei Stockwerke einer nahen Kneipe samt Musikbeschallung. Der Kongress tanzt dann, sozusagen (soweit es die Räumlichkeit zulässt).

2 Kommentare zu “Vorschau 46th Lunar and Planetary Science Conference 2015 (2): Der Kongress tanzt.

  1. Pingback: 46th Lunar and Planetary Science Conference 2015: Nachglühen | EXO- PLANETAR

  2. Pingback: Die gleiche Prozedur wie jedes Jahr: Lunar and Planetary Science Conference 2015 in Houston (Rückblick) › Exo-Planetar › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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